Vom Fachexperten zum Product Owner.

Seit jeher galt es etwas, Anwalt zu sein. Fachexperte zu sein. Das Studium ist geprägt davon, komplexe Sachverhalte zu verstehen, Unmengen an Information auswendig zu lernen und vernetzen zu können. Wer Wissen besser umsetzen kann, gewinnt. Wer sich als Person und die Expertise gut am Markt positioniert, verkauft. Das Produkt „Anwalt“ funktioniert im Kern durch Einzelpersonen, deren Expertise und Durchsetzungsfähigkeit.

Das Produkt „Anwalt“ funktioniert im Kern durch Einzelpersonen, deren Expertise und Durchsetzungsfähigkeit.

Und nun kommt Legal Tech mit Extinktionsprophezeiungen. Das haben vor Anwälten bereits Wirtschaftsprüfer und Banken durchlebt. Oder sind mittendrin; wie man es gerne sehen möchte.

Nun gilt es also auch für Anwälte, die eigene Daseinsberechtigung und das notwendige Skillset für die Zukunft zu hinterfragen.

Hierbei steuere ich gerne mit diesem Artikel zwei Hypothesen bei.

Hypothese 1: Die Fachexpertise eines Juristen, nämlich die Fähigkeit komplexe Sachverhalte und Informationsbeziehungen situativ einwerten zu können, wird es noch einige Zeit brauchen. Denn dazu Bedarf es neben logischem Wissen der Fähigkeit zur sachlichen und emotionalen Kontextualität. Das fällt Algorithmen noch schwer.

Hypothese 2 – und darum soll es in diesem Artikel gehen:
Neben der Fachexpertise bedarf es nun im Legal Tech einer neuen Kernkompetenz in Kanzleien: Es braucht Product Owner.

Ein Blick in andere Branchen

Für mein Verständnis haben andere Branchen, die schon länger auf der Digitalisierungswelle reiten, in dieser Kompetenz noch Potential. Das können Sie also direkt besser machen!

Denn auch in anderen Branchen startete xTech damit, dass Techies (Softwareentwickler) mit Fachexperten zusammengebracht wurden. Ein absolut richtiger erster Schritt. Nur gibt es eine Herausforderung. Weder der Fachexperte noch Softwareentwickler sind dazu ausgebildet, digitale Produkte zu managen.

Weder Softwareentwickler noch Fachexperten sind dazu ausgebildet, digitale Produkte zu managen. Hierfür bedarf es einer eigenen Rolle und Ausbildung.

Das Produktmanagement ist sowohl auf operativer als auch auf strategischer Ebene im Sinne eines Lösungsportfolios eine notwendige Kernkompetenz.

Daher möchte ich Ihnen in eine ersten Einblick geben, was die wichtigsten Skills und Aufgaben von Product Ownern sind. Und weshalb Sie einen entsprechenden Anteil des Legal Tech Budgets in die Ausbildung dieses Skills in einer Kanzlei investieren sollten.

Operatives Product Ownership

Ein Product Owner verantwortet das Produkt und hat entsprechende Entscheidungskompetenz zu priorisieren und die Umsetzung inhaltlich und zeitlich auszusteuern. Er navigiert das Umsetzungsteam.

Ein Product Owner ist Fachexperte. In Ihrer Welt also Anwalt mit ausgeprägter Expertise in einem Rechtsgebiet. Level Senior Associate / Counsel. Diese Person hat Erfahrung in den Prozessen und versteht Mandanten und das Business.

Er hat gegenüber höheren Hierarchieleveln (Partnern, Managern) ein selbstbewusstes Auftreten und hat bereits gezeigt, dass er Dinge auch trotz (politischem) Gegenwind argumentieren kann und nicht direkt Schwingungen nachgibt.

Hacking the Lawyer bedeutet auch, dass etablierte Hierarchiemuster durchbrochen werden müssen 😉 Das wird ein guter Product Owner tun.

Hacking the Lawyer bedeutet, dass etablierte Hierchiemuster durchbrochen werden müssen. Das wird ein guter Product Owner tun.

Ein angehender Product Owner hat bereits gezeigt, dass er als Teamplayer agieren kann, sehr gute Kommunikationskills hat und ein gutes Teammanagementgespür in Fachprojekten zeigt.

Ein geeigneter Kandidat wurde gefunden? Wunderbar! Dann geht die Ausbildung los. Inhaltlich liegt der Lernfokus nun auf diesen drei Gebieten:

1. Methodensets und Frameworks

Im Fokus steht das theoretische Erlernen und praktische Erleben, wie die Methoden in der Unternehmenskultur adaptiert werden können.
Design Thinking, Lean Startup, Agile – you name it. Jede Phase einer digitalen Lösungsentwicklung bedarf einer geeigneten methodischen Steuerung, um zum Punkt zu kommen. Das kann initial extern eingekauft werden, muss aber perspektivisch zur Kernkompetenz des Product Owners werden.

2. Nutzerperspektive und Stakeholderperspektive vereinen

Digitale Lösungen in Kanzleien werden dann erfolgreich sein, wenn Mandanten, bzw. interne Prozessanwender sie gut finden. Ein weiterer essentieller Erfolgsbaustein ist, dass Entscheider und Sponsoren die Lösung gut finden und entsprechend finanzieren.

Die entsprechenden Anforderungen an die Ausgestaltung der Lösung können diametral auseinanderliegen.

Product Owner, die beide Perspektiven clever zusammen bringen, sind das Fundament der digitalen Zukunft einer Kanzlei!

3. Priorisieren und Managen

Die Fähigkeit, gute Produktroadmaps zu entwickeln, ist eine absolute Schlüsselkompetenz. Denn einerseits zeigt die Realität immer wieder, dass der Geldhahn jederzeit aus guten Gründen zugedreht werden kann. Daher sollte jede Produktphase so geplant sein, dass sie mit dem Ergebnis Nutzen stiftet und bei den Stakeholdern Bedarf nach „Mehr“ schafft und somit Budgets sichert.

Ein anderes Phänomen wird der Overflow an Anforderungen sein. Denn auch Anwälte sind kreativ. Das muss zwingend gemanaged werden. Denn einerseits soll Innovationsarbeit Kreativität entfachen, aber es Bedarf dann einer sehr strukturierten und fokussierten Übersetzung in Umsetzungsroadmaps. Ansonsten wird es eine teure und nicht benutzbare Legal Tech Lösung.

Investieren Sie in Ausbildung und Zeit.

Vielleicht zeigt es dieser kurze Artikel bereits auf. Ein guter Product Owner fällt nicht einfach vom Himmel. Es ist ein Investment in die Ausbildung und in Zeit. Die Rolle des Product Owners muss als Karreriepfad innerhalb von Kanzleien incentiviert werden.

Strategisches Product Ownership.

Neben der operativen Ebene brauchen Kanzleien auch eine übergeordnete Organisation – oder einen Unterbau – je nachdem aus welcher Perspektive man es betrachten möchte. Dort erfolgt die Zusammenführung der Initiativen von Practice Groups, Standards werden entwickelt, Baukästen, von denen Streams profitieren können und vieles mehr. Bald mehr davon hier auf Hacking the Lawyer!

Nun bin ich aber auf Ihre Meinung gespannt. Haben Sie bereits Erfahrungen als Product Owner gesammelt? Beschäftigen Sie sich genau mit diesen organisationalen Fragestellungen? Haben Sie andere Best Practices? Ich freue mich auf Ihren Input!


Photo by Ashim D’Silva on Unsplash

Allein aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten für beide Geschlechter.

Technik menschelt.

Die Digitalisierung der Legal Branche ist in vollem Gange. Die Crux dabei? Der Branche geht es noch viel zu gut, um den Bedarf tiefgreifender Veränderung zu haben – die ist jedoch der Schlüssel zum zukünftigen Erfolg!

Bei Legal Tech geht es vorallem um Menschen.
Bei Legal Tech geht es vor allem um Menschen.

Wer Digitalisierung ernsthaft angehen möchte – was jedes zukunftsgerichtete Unternehmen nun einmal auch tun sollte – erkennt bald, dass es um mehr geht, als das Hiring eines Junior Legal Engineers.

Digitalisierung bedeutet Know-how Aufbau, eine andere Arbeitskultur und ein Verständnis, wie Ökosysteme aus Start-ups und Law Firms funktionieren können.

Ich bin überzeugt davon, dass diese Aspekte der Digitalisierung für die Legal Industry ganz besonders spannend werden, denn da kommt noch Arbeit auf die Kanzleien und Rechtsabteilungen zu.

Auf der Berlin Legal Tech 2020 ist in unserem Brainstorming Team die Überzeugung entstanden, dass erfolgreiches Legal Tech nicht bedeutet, möglichst viel Technik zu bauen.

Erfolgreiches Legal Tech bedeutet „Hacking The Lawyer“. Denn die Digitalisierung fängt bei den Menschen an. Und genau diesen Themen wird sich dieses Blog widmen.

Ich selbst bin übrigens kein Jurist. Dafür aber Vollblutdigitaler und Unternehmerin. Falls Sie sich nun fragen, was in aller Welt mich qualifiziert, über die Legal Branche zu schreiben? Das werden wir gemeinsam herausfinden.
Ich denke zum Beispiel, dass ich eine wertvolle Perspektive einbringe. Denn ich habe über viele Jahre die Transformation der Finanzbranche begleitet und diese für Corporates mitgestaltet. Seit über zwei Jahren lerne ich die Legal Branche immer besser kennen und sehe viele Paralleln bei den Best, aber auch in den Worst Practices der Digitalisierung.

Und da ich überzeugte Macherin bin, liegt mir das alleinige Beobachten nicht und ich freue mich sehr darauf, die Transformation der Legal Branche mitzugestalten.

Viele Freude auf meinem Blog!